Der erste Tag in der Kita ist für Kinder und Eltern gleichermaßen ein einschneidendes Erlebnis. Die Bindungsforschung zeigt uns, warum dieser Übergang so behutsam wie möglich gestaltet werden muss.
Bowlby und die Bindungstheorie
Die Grundlage unserer heutigen Eingewöhnungspraxis geht auf John Bowlby zurück, der in den 1960er-Jahren die Bindungstheorie entwickelte. Seine zentrale These: Kinder brauchen mindestens eine sichere Bindung zu einer Bezugsperson, um sich gesund zu entwickeln.
Mary Ainsworth differenzierte in ihren „Strange Situation”-Experimenten vier Bindungsmuster:
- Sicher gebunden (~60 %): Kind zeigt Trennungsschmerz, lässt sich aber schnell trösten
- Unsicher-vermeidend (~20 %): Kind zeigt wenig Reaktion bei Trennung
- Unsicher-ambivalent (~15 %): Kind ist stark verunsichert und schwer zu beruhigen
- Desorganisiert (~5 %): Kind zeigt widersprüchliches Verhalten
Das Berliner Eingewöhnungsmodell
Das von Hans-Joachim Laewen und Beate Andres (INFANS-Institut) entwickelte Modell hat sich zum Standard in deutschen Kitas entwickelt. Es gliedert sich in vier Phasen:
1. Grundphase (3 Tage)
- Elternteil begleitet das Kind in die Kita
- Erzieher*in beobachtet, nimmt behutsam Kontakt auf
- Keine Trennungsversuche
2. Erster Trennungsversuch (4. Tag)
- Elternteil verabschiedet sich kurz (max. 30 Minuten)
- Reaktion des Kindes entscheidet über weiteres Vorgehen
3. Stabilisierungsphase
- Trennungszeiten werden schrittweise verlängert
- Erzieher*in übernimmt zunehmend Versorgungsaufgaben
4. Schlussphase
- Elternteil ist nicht mehr in der Kita, aber jederzeit erreichbar
- Eingewöhnung ist abgeschlossen, wenn das Kind die Fachkraft als sichere Basis akzeptiert
Aktuelle Forschung: Was hat sich verändert?
Die NUBBEK-Studie (Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit, 2013) zeigte, dass die Qualität der Eingewöhnung einen langfristigen Einfluss auf das Wohlbefinden des Kindes in der Kita hat. Neuere Forschung von Ahnert (2020) ergänzt: Eine gelungene Eingewöhnung ist besonders dann entscheidend, wenn das Kind zu Hause unsichere Bindungsmuster zeigt — die Kita kann hier kompensatorisch wirken.
Quellen:
- Laewen, H.-J. & Andres, B. (2002). Ohne Eltern geht es nicht. Berlin: Cornelsen.
- Ahnert, L. (2020). Wieviel Mutter braucht ein Kind? Heidelberg: Springer.
- Tietze, W. et al. (2013). NUBBEK – Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit.