In vielen Kitas wachsen über die Hälfte der Kinder mit zwei oder mehr Sprachen auf. Lange galt Mehrsprachigkeit als Problem — heute wissen wir: Sie ist ein kognitiver Vorteil, wenn sie richtig begleitet wird.
Der „Bilingual Advantage”
Die Forschung der Psychologin Ellen Bialystok (York University, Toronto) hat gezeigt, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder in bestimmten kognitiven Bereichen Vorteile haben:
- Exekutive Funktionen: Bessere Impulskontrolle und kognitive Flexibilität
- Metalinguistisches Bewusstsein: Früheres Verständnis dafür, dass Sprache ein System ist
- Perspektivübernahme: Gesteigerte Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen
Mythen und Fakten
Mythos: „Kinder werden verwirrt, wenn sie mehrere Sprachen gleichzeitig lernen.”
Fakt: Das Gehirn von Kleinkindern ist perfekt dafür ausgelegt, mehrere Sprachen zu verarbeiten. Die sogenannte Sprachmischung (Code-Switching) ist kein Zeichen von Verwirrung, sondern eine hochkomplexe kognitive Leistung.
Mythos: „Zu Hause sollte nur Deutsch gesprochen werden, damit die Kinder es besser lernen.”
Fakt: Die Interdependenzhypothese von Jim Cummins zeigt das Gegenteil: Je besser die Erstsprache entwickelt ist, desto leichter fällt der Erwerb der Zweitsprache. Eltern sollten die Sprache sprechen, in der sie sich am sichersten und differenziertesten ausdrücken können.
Praktische Umsetzung in der Kita
- Mehrsprachigkeit sichtbar machen: Begrüßungen, Lieder und Bilderbücher in verschiedenen Sprachen
- Sprachvorbilder sein: Fachkräfte sprechen klar, langsam und in korrektem Deutsch
- Erstsprache wertschätzen: „Wie heißt ‚Schmetterling’ auf Arabisch?” — die Sprache der Kinder als Ressource nutzen
- Bilderbücher bilingual: Bücher in der Erstsprache und auf Deutsch anbieten
- Eltern als Sprach-Experten einbeziehen: Eltern lesen in ihrer Sprache vor
Das Rucksack-Programm
Das Rucksack-Programm (RAA NRW) ist ein evaluiertes Konzept, das Eltern aktiv in die Sprachförderung einbezieht. Eltern erhalten Materialien in ihrer Erstsprache und fördern parallel zur Kita die gleichen Themen zu Hause. Evaluationen zeigen signifikante Verbesserungen in beiden Sprachen.
Quellen:
- Bialystok, E. (2017). The bilingual adaptation: How minds accommodate experience. Psychological Bulletin, 143(3), 233–262.
- Cummins, J. (2000). Language, Power, and Pedagogy. Clevedon: Multilingual Matters.
- Tracy, R. & Lemke, V. (2009). Sprache macht stark. Berlin: Cornelsen.