Kinder haben ein Recht auf Beteiligung — so steht es in der UN-Kinderrechtskonvention (Artikel 12) und in den Bildungsplänen aller Bundesländer. Doch was bedeutet Partizipation konkret im Alltag mit Zwei- bis Sechsjährigen?
Was Partizipation ist — und was nicht
Partizipation bedeutet nicht, dass Kinder alles entscheiden. Sie bedeutet, dass Kinder an den Entscheidungen beteiligt werden, die sie betreffen. Das Modell von Richard Schröder (1995) unterscheidet verschiedene Stufen:
- Fremdbestimmung: Erwachsene entscheiden, Kinder haben keine Stimme
- Alibi-Teilhabe: Kinder werden gefragt, aber die Entscheidung steht bereits fest
- Mitwirkung: Kinder können Vorschläge machen
- Mitbestimmung: Kinder entscheiden gleichberechtigt mit
- Selbstbestimmung: Kinder entscheiden eigenständig in definierten Bereichen
Partizipation im Kita-Alltag
Worüber Kinder mitentscheiden können
- Essen: Was kommt auf den Teller? Wie viel? (kein Aufesszwang)
- Spiel: Was, wo, mit wem und wie lange gespielt wird
- Raumgestaltung: Wie sieht unser Gruppenraum aus?
- Regeln: Welche Regeln brauchen wir — und warum?
- Projekte: Welche Themen interessieren uns?
Worüber Erwachsene entscheiden
- Sicherheit und Schutz
- Hygiene und Gesundheit
- Strukturelle Rahmenbedingungen
Kinderkonferenzen und Kinderparlamente
Viele Kitas etablieren Kinderkonferenzen als regelmäßiges Format. Erfolgsfaktoren:
- Visualisierung: Abstimmungen mit Bildern, Muggelsteinen oder Klebepunkten
- Verbindlichkeit: Entscheidungen werden umgesetzt — sonst verliert das Format seine Glaubwürdigkeit
- Moderation: Fachkräfte moderieren, aber dominieren nicht
- Dokumentation: Protokolle (mit Fotos) für Kinder und Eltern
Die Kita als demokratischer Ort
Die Politikwissenschaftlerin Raingard Knauer (FH Kiel) argumentiert: Demokratiebildung beginnt nicht in der Schule, sondern in der Kita. Wenn Kinder erleben, dass ihre Stimme zählt, entwickeln sie demokratische Kompetenzen: Zuhören, Argumente abwägen, Kompromisse finden, Mehrheitsentscheidungen akzeptieren.
„Partizipation ist kein Geschenk der Erwachsenen an die Kinder — es ist ihr Recht.” — Rüdiger Hansen, Deutsches Kinderhilfswerk
Quellen:
- Schröder, R. (1995). Kinder reden mit! Weinheim: Beltz.
- Hansen, R., Knauer, R. & Sturzenhecker, B. (2020). Partizipation in Kindertageseinrichtungen. 3. Auflage. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.
- Vereinte Nationen (1989). UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes.